Konferenztag 2 (Samstag, 21.07.2018) – Teil I

Der zweite Konferenztag begann für mich mit einer Keynote, die mich besonders interessierte, anregte, aber gleichzeitig komplett überforderte: ohne Slides war ich mir schlichtweg nicht sicher, den Vortragenden richtig verstanden zu haben. Ich habe das jetzt zu Hause nachgeholt, inklusive automatisch generierter YouTube-Untertitel.

Dieser Text ist sehr lang; dafür habe ich die im Vortrag erwähnten Quellen und Beispiele recherchiert und verlinkt. Ich lege nicht die Hand dafür ins Feuer, dass ich alles 1:1 richtig übersetzt und verstanden habe – bei ernsthaftem Interesse am Thema bitte den Vortrag selbst ansehen und Sean Jacobs direkt zitieren.

The Decolonizing Debate: Social Media as Source Archive and Wikipedia

Der Vortragende Dr. Sean Jacobs ist der Gründer des Blogs „Africa’s a country“; hier ein Link zu weiteren Veröffentlichungen (der im verlinkten Profil ist nicht mehr aktuell).

Das Blog „Africa’s a country“ besteht seit ca. neun Jahren; die Artikel beschäftigen sich vorwiegend mit Medienkritik und Medienanalyse und „new writing“ (hier fehlt mir ein passender deutscher Begriff). Nachdem anfangs Akademiker und Journalisten über Autoren von Blogs gespottet hätten, würde „Africa’s a country“ inzwischen von denselben zitiert, als Referenz benannt und würde das Beitragen zum Blog von Universitäten belohnt. Das Blog wurde und wird für Preise nominiert bzw. als Teil eines Portfolios für Awards ausgewählt.

Beispiele:
„Fear of a Black France“ „You want to troll French fascists? Tell them the truth: the most French man in the world right now is a black kid called Kylian Mbappé.“

„The hubris of western science“ „The push to fight malaria by genetically modifying mosquitos is a continuation of centuries of arrogance and recklessness on the part of western scientists.“ (Hier der dazu gehörige Artikel in „Bulletin of the Atomic Scientists“ vom 15.03.2017 Gene drives, malaria, and the back roads of Burkina Faso „These are hard questions, and people in Burkina Faso, Mali, and Uganda are going to have to answer them over the next few years. How are they to do so if, as is true in some cases, their languages lack a word for ‚gene?'“)

Sean Jacobs beschrieb über seine eigenen Erfahrungen, wie und von wem die Geschichte Südafrikas geschrieben wurde.
Sein frühes Leben in Südafrika (Kapstadt, Cape Flats) sei durch Wissensdefizite, zum Beispiel zum Thema „Rasse“, gekennzeichnet gewesen. Es habe eine rassistische Diktatur bestanden, die Teile der Bevölkerung vom Kommunizieren und Lernen abhalten wollte.
Das „Ministerium für Information“ sei eher ein Ministerium für Desinformation und Zensur gewesen; es hätte ein staatliches Monopol über Radio- und TV-Sender bestanden.
Die Apartheid hätte Schwarze Menschen entmutigt, ihre Perspektive zu dokumentieren und zu archivieren und förderte die Perspektive der weißen Minderheit in Südafrika.

Das Thema „Geschichte Südafrikas“ sei kompliziert für alle Bevölkerungsgruppen.
Es gibt zum einen die koloniale Vergangenheit, aufgeschrieben von den Kolonialisten. Dann gibt es die Zeit der Apartheid, meist aufgeschrieben von Weißen (Männern). Während der Apartheid wurde dies durch die bestehenden Regeln in Medien, Schulen, Universitäten, Kirchen und anderen öffentlichen Institutionen verstärkt.
Die Gegenseite konstruierte ihre eigenen Geschichten, z.B. Steve Bikos Black Consciousness Movement in den 70ern oder das anschließende Mass Movement, das mit seinen Ideen von Regenbogennation, Aussöhnung und dem Gedanken, dass Südafrika etwas überwindet, nicht zu radikalen Änderungen in Südafrikas Politik ermutigte.

Die politische Stimmung sei durch Nelson Mandelas Persönlichkeit als Versöhner und seinen Politikstil verstärkt worden, die Konsens in öffentlichen Einrichtungen gewesen sei. Die seit langem bestehenden Vorurteile durch die Stille während der Arpartheid oder durch die Art, wie in Südafrika Geschichte „geframed“ wurde, konnten so nicht aufgelöst werden.

Zwischenzeitlich hätten die Südafrikaner selbstverständlich andere, aktuelle Probleme zu lösen: verbreitete Korruption, Waffengeschäfte, der Einfluss des Gupta-Familienverbandes, das Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung (Marikana – Südafrikanischer Bergarbeiterstreik, das verzögerte Auszahlen von Sozialbezügen, das weitere Verarmen armer, vorwiegend Schwarzer Südafrikaner.

Zwischen März 2015 und Dezember 2016 hätte es Proteste von Studierenden an Südafrikanischen Universitäten gegeben.
Gefordert wurde, dass vom Universitätsmanagement keine Arbeiter outgesourced werden, dass die Studiengebühren nicht erhöht werden, das Ende des Patriachats in der politischen Kultur, die von charismatischen männlichen Führungspersönlichkeiten dominiert wurde, das Entfernen rassistischer, kolonialer Symbole (besonders Statuen) auf den Campussen und Umbenennung von Universitäten, die Reformierung von Studienplänen und das Beschäftigen von mehr Schwarzen Professoren.

Die Studierenden hätten verstanden, dass die Institutionen radikal verändert werden müssten, um Südafrika zu ändern.
Ziel sei gewesen, „white supremacy“ zu überwinden, die in höheren Bildungseinrichtungen, in Forschung und Entwicklung (Produktion von Wissen) und in den Medien immer weiter reproduziert wurde.

Ziel sei auch gewesen, das Handeln des ANC unter Nelson Mandela und dessen Nachfolgern aufzuarbeiten.
Die Studierenden kritisierten die Bedingungen, unter denen Schwarze Menschen auch zwei Dekaden nach Ende der Apartheid leben mussten (und müssen). Sie wiesen darauf hin, dass im Bezug auf Lehre etc. eine radikale Bewusstseinsänderung erforderlich sei. Die ANC-Version der Geschichte wurde angefochten.

Die Studierenden benannten, was sie von der Dekolonialisierung erwarteten. Sie organisierten Teach-Ins. Bedeutender war, dass sie begannen, ihre Informationen online zu teilen z.B. entstanden so quasi Online-Bibliotheken für Dokumente, Filme und Audio-Dateien per DropBox oder GoogleDocs. Sie dokumentierten ihren Kampf so in Echtzeit per Twitter, Facebook und, entscheidend, WhatsApp.

Am Ende erreichten sie ein Moratorium: die Studiengebühren an öffentlichen Universitäten wurden „eingefroren“.
Es gab viele Gründe, warum die Bewegung endete: u. a. Differenzen über Strategien, über den Einsatz von Gewalt, das Einsehen, ins Leere zu laufen.
Ihr Einfluss allerdings hält an; die meisten Südafrikaner verstehen die Unumgänglichkeit der Kolonialisierung, egal, ob sie das unterstützen oder ablehnen. Sie verstanden, dass Änderung harte Arbeit ist, dass man nicht unbeteiligt an der Seitenlinie stehen kann, dass es unordentlich sein wird und Fehler gemacht werden, dass einige Menschen in diesem Prozess verlieren werden und dass manche Menschen Einfluss und Macht abgeben müssen und abschließend, dass es nicht perfekt sein wird und dass auch das okay ist.

Sean Jacobs erklärte, wo er den Bezug zur Wikipedia sieht, die ja kein Staat sei und nicht unter Apartheid bestehe und von engagierten Freiwilligen gestaltet würde:

  • lang andauernde Strategiedebatten (die Diskussion über „oral citations“ z.B. sei nicht neu)
  • die meisten Editoren seien männlich, von der nördlichen Hemisphäre und weiß
  • es gibt eine Überzahl von Einträgen in der englischen Wikipedia
  • für die meisten Afrikanischen Nationen existieren weniger Einträge
    als für den fiktiven Raum Mittelerde
  • es gelingt nicht in dem Maße, Editoren aus Entwicklungsländern
    einzubeziehen, wie für die englische Wikipedia
  • Kontroversen über Relevanzkriterien und Wichtigkeit und wer diese
    bestimmt

Daraus würde folgen, dass große Teile menschlichen Wissens nicht in der Wikipedia enthalten sind.

Dieser Status würde ein ernsthaftes Überdenken/Neudenken erfordern, wie Wissen zusammengetragen werden kann.

Er sieht kleine Schritte in diese Richtung und regt an, sich an den Debatten und Erfahrungen von Historikern zu orientieren, die ebenfalls über das Internet als Quellenarchiv, die Nutzbarkeit von Webseiten und mündlicher Überlieferung diskutieren.
Dabei erinnert er an das Klischee, dass der Journalismus den ersten Entwurf von Geschichte liefere. Social Media – Twitter, Facebook, Instagramm, WhatsApp – und Blogs hätten diese Rolle übernommen und würden politisches Leben in Echtzeit dokumentieren. Journalisten würden sich dieser Quellen bedienen, z. B. wenn sie Augenzeugenberichte für „Breaking News“ aus schlecht zugänglichen Gegenden oder bei Naturkatastrophen benötigen.

Historiker würden das Potential des Internets als Quelle und als Archiv gegenwärtiger Politik und gegenwärtigen Lebens begreifen. Das Internet biete den Zugang zur Vergangenheit jenseits der traditionellen Medien und politischen Eliten oder sozialen Klassen. Beides sei abhängig von der Möglichkeit, Zugang zu Medien zu haben, aber auch zu diesen beitragen zu können.

Sean Jacobs führte einige Beispiele an, z. B. zitierte er Prof. William Beinart im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Reden, Briefe und Schriften von Desmond Tutu:

„The great advantage of an unedited archive is the opportunity it gives to take a fresh look at the man without a biographer looking over your shoulder to make sure you reach the right conclusions.“

Ein weiteres Beispiel sei die „Library of Congress“ in den USA, die seit 2000 als Online-Quelle zur Verfügung steht. 2010 erklärte Twitter, sein digitales Archiv öffentlicher Tweets an das Archiv zu spenden. In diesem Zusammenhang sagte der damalige Leiter der Bibliothek, James H. Billington:

„The Twitter digital archive has extraordinary potential for research into our contemporary way of life. his information provides detailed evidence about how technology based social networks form and evolve over time. The collection also documents a remarkable range of social trends. Anyone who wants to understand how an ever-broadening public is using social media to engage in an ongoing debate regarding social and cultural issues will have need of this material.“

Einige Historiker seien optimistisch und begeistert von der Möglichkeit, Geschichte so zu erfassen, wie sie stattfand; z.B. während des Arabischen Frühlings oder während Wahlkampagnen. Andere seien weniger glücklich mit dem Internet als Quelle und problematisieren die bekannten Schwierigkeiten: – Zitieren – Datenaufbewahrung – Seriosität – Regeln der Archivierung – Zugang zum Internet – „tote“ Links – geschlossene Seiten – geänderte URLs – Migration von Inhalten zu anderen Domains – Archivierung mit besonderen Zugangsbedingungen

Ein weiterer Grund der Ablehnung des Internets als Quelle durch Bibliothekare und Archivare sei die Annahme, dass Social Media die Autorität von Museen und Bibliotheken untergraben würde. Sie würden gern an dem Konzept vom „Museum als Bastion der Expertise und Lehre“ festhalten.

Anfang 2000 hätten Historiker auf einer Konferenz in Texas über Quellen und Methoden in Bezug auf Afrikanische Geschichte debattiert. In einem Buch seien die Debatten und Themen der Konferenz zusammengefasst worden. Im Rückblick findet es Sean Jacobs bemerkenswert, dass zu diesem Zeitpunkt keinerlei Online-Quellen erwähnt wurden. Eine Dekade später (2013) sei in „The Oxford Handbook of Modern African History“ immerhin eine Erwähnung des Internets und Social Media als Quelle zu finden – nach einer langen Aufzählung von Film, Radio und TV.

Sean Jacobs meint, dass das Handbuch immerhin zeige, dass Historiker „Appetit“ auf Forschung mit elektronischen Medien bekommen hätten und erkannt hätten, dass große Dokumentationen und mündliche Überlieferungen verschiedenste Studienmöglichkeiten eröffnen.

Seitdem seien Historiker offener gegenüber den Möglichkeiten, die Social Media bietet, besonders in Entwicklungsländern. Gerade hier unterstützt das Internet den Zugang zu und die Suche nach Quellen, ohne auf die schlecht ausgestatteten Bibliotheken in diesen Ländern angewiesen zu sein.

Ein Beispiel seien Debatten in Social Media zu Kenias Vergangenheit und Gegenwart und zu lokaler Politik im Zusammenhang mit Barack Obama – hier hätten viele Teilnehmer Quellen und Orte geliefert, um falsche Darstellungen zu zu ändern.

Auf YouTube finde sich viel in Afrika von Afrikanern produziertes Material, zum Beispiel Videos aus Uganda, die Perspektiven auf die Kony-2012-Kampagne bieten, historische Beiträge aus Afrikanischen TV-Kanälen und Musikvideos. Auch die Kommentare unter YouTube-Videos ermöglichten das Verstehen gegenwärtiger Debatten über historische Ereignisse.

Es gibt eine Reihe von Projekten, die sich mit den Möglichkeiten, Social Media und Online-Archive zu nutzen, beschäftigen.

Durch all diese Projekte wurde gezeigt und belegt, dass – Wissen außerhalb der Akademien und Elite-Institutionen produziert werden kann – Internet und Social Media einen nützlichen Beitrag zum Verstehen aktueller Politik leisten – durch Social Media und Blogs wie „Africa’s a country“ verschiedene Wege, die Welt zu sehen, in den Mainstream gebracht werden; Wissen wird durch eine Vielfalt von Autoren entdeckt, die vorher nicht möglich war

Herausforderungen für die Wikipedia: Wenn es uns ehrlich ernst sei mit dem Wachsen und Wachsen lassen, müssten wir aufhören, zu debattieren und anfangen, aufzuholen.

Sean Jacobs erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass die Wikipedia bei ihrer Gründung revolutionär für das Publizieren und die Erstellung von Wissen war.

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